Quelle: KTM Clinc
Autor:Patrick A. Frigge
Letztes Update: 10.11.1999
Ventilspiel
Einstellen des Ventilspiels
(alle LC4-Modelle)
von Patrick A. Frigge
Diese Anleitung dient zur vervollständigenden Erläuterung der im KTM LC4
Motorreparatur-Handbuch dargestellten Anleitung zur
Ventilspieleinstellung. Für die Richtigkeit der hier gemachten Angaben
wird keinerlei Haftung übernommen. Im Zweifel haben die entsprechenden
Stellen im KTM-Benutzerhandbuch des betreffenden Modelljahrgangs o. ä.
unbedingten Vorrang vor allen hier gemachten Angaben.
Das Einstellen der Ventile ist einfach und kann von jedermann mit
durchschnittlichen handwerklichen und technischen Grundkenntnissen
durchgeführt werden.
Zeitbedarf
Der Zeitaufwand beträgt je nach Übungsstand ca. eine ¾ bis 1½
Std.
Werkzeug, Material
- 6er Innensechskant-Schlüssel
- Ring-/Maulschlüsselsatz 6-10 mm
- Steckschlüsselsatz mit Umschaltknarre, dto.
darüber hinaus:
- 11er Ringschlüssel, gekröpft
- sehr kurzer 3er Schlitzschraubendreher, empfehlenswert abgewinkelter
Schraubendreher (L-Form)
- sehr langer 3er Schlitzschraubendreher
- Fühlerlehren 0,10 mm, 0,15 mm, 0,20 mm. Hier bietet es sich an, für
jede entsprechende Größe einzelne Fühlerlehren aus dem gut sortierten
Kfz-Fachhandel zu verwenden, da die ausklappbaren "Fächer"-Sätze
(Baumarkt, Tankstelle) vielfach zu kurz und schlecht zu handhaben
sind.
- Ventildeckeldichtung 2x
- Dichtungsschaber
- 2-Pf-Stück
Einstellintervalle
Innerhalb welcher Kilometer-Intervalle muß das Ventilspiel am LC4-Motor
eingestellt werden?
Laut Schmier- und Wartungstabelle von KTM sollte die
Ventilspielkontrolle alle 5.000 km oder 1x jährlich durchgeführt werden,
abweichend davon bei Sporteinsätzen nach jedem Rennen.
Grundsätzlich sind der Einsatzzweck und damit verbundene Belastung des
Motors maßgeblich für die Einstellung des Ventilspiels. Weiterhin gilt
natürlich auch hierbei: "Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig"
Festzuhalten ist, daß der Ventiltrieb an den LC4-Modellen sehr robust
und standfest ist. Motorschäden, die auf fehlerhafte
Ventilspieleinstellung zurückzuführen sind, sind daher eher die Ausnahme
und alles andere als die Regel. Es spricht somit wenig dagegen, die
beschriebenen Kilometer-Intervalle, wenn beispielsweise oft auf der
Landstraße gefahren wurde, geringfügig zu verlängern, und erst recht
nicht, diese nach verstärktem Geländeeinsatz zu verkürzen.
Falsch ist hingegen die nicht selten verbreitete Ansicht, man könne
die Ventile doch allgemein bedarfsweise "nach Gehör" einstellen.
Bei der Zylinderkopfbauform des LC4-Motors ([S]OHC mit gegabelten
Rollenkipphebeln, siehe Bild 1) wird das Ventilspiel im Dauerbetrieb
des Motors in der Regel kleiner, da sich die Ventile
geringfügig in zunehmendem Maße in die Ventilsitze
hineinarbeiten. Das berüchtigte Klappergeräusch im Bereich
des Zylinderkopfes im Stand wird somit im Laufe der Zeit eher leiser
anstatt lauter. Eine vernünftige Rückmeldung über das
Ventilspiel wie etwa bei manchen Stoßstangen- oder
Schlepphebelmotoren ist demzufolge "nach Gehör" unmöglich.
Vorarbeiten
- Motorrad in relativ sauberer Umgebung abstellen.
- Benzinhahn in Position "OFF" drehen.
- Kolben auf oberen Totpunkt (OT) stellen.
- LC4-Modelle bis Bj. 95 (ohne Autodekompression): bei ausgeschalteter
Zündung den Kickstarter bis zum Kompressionswiderstand betätigen.
- LC4-Modelle ab Bj. 95 (mit Autodekompression): Deko-Hebel (am Lenker
linke Seite) ziehen. Kickstarter solange langsam betätigen, bis der
Hebel zurückschnappt.
- LC4-Modelle ab Bj. 97 (mit Autodekonockenwelle): Motor
mit dem Kickstarter solange durchkurbeln, bis die
Dekompressornocke ausrastet (zur Erkennen am deutlich
hörbaren "Klick" aus dem Ventiltrieb).
- Sitzbank abbauen.
- Benzinleitung zum Vergaser entfernen, dann Tank abbauen.
- Zündkerze herausschrauben.
- Beide Ventildeckel durch Entfernen der jeweils drei
Innensechskantschrauben (SW 6) entfernen
Spätestens an dieser Stelle ist man nun zu der Erkenntnis gelangt, daß
der Ventiltrieb auslaßseitig relativ schwer zugänglich ist, verglichen
mit einem Gilera RC 600-Motor ist die Ventilspieleinstellung also ein
"Spaziergang".
- An dieser Stelle gibt es nun prinzipiell vier
Möglichkeiten fortzufahren:
- Männer mit eher zierlichen Händen (Frauen): Auslaßventildeckel am
Deko-Zug hängen lassen und beiseite drehen.
- Schrauber mit normalen Händen: Dekozug aushängen (empfohlen),
Ventildeckel entfernen.
- Leute mit Wurstfingern, großen Händen und/oder wenig Geduld (wie der
Autor): zusätzlich Deko-Welle ausbauen (Einbaulage und -reihenfolge
beachten).
- Menschen mit extrem großen Fingern und Grobmotoriker: Motor
ausbauen...
- Dichtungsreste mit Dichtungsschaber o.ä. entfernen
- Fünften Gang einlegen
- Mit 2-Pf-Stück auf der rechten Motorseite den
Verschlußstopfen am Zündungsdeckel entfernen.
- Nun müssen durch Drehen des Hinterrades die durch die Gewindebohrung
sichtbaren Markierungen an Rotor und Stator in Deckung gebracht werden.
Zu beachten ist hierbei:
- bei Modellen mit automatischer Dekompressionseinrichtung ist das
Hinterrad in jedem Falle nur rückwärts, d.h. entgegen der Fahrtrichtung,
zu drehen, da die Fliehkraftmechanik ansonsten ein Ventil aushebt,
sprich den Zylinder "dekomprimiert".
- bei 620er / 640er Motoren müssen die 2mm Bohrung auf dem Rotor und die
Kerbe auf dem Stator zueinander fluchten.
- 400er Motoren benötigen weniger (statische) Vorzündung: aus diesem
Grund sind bei diesen Motoren die beiden Kerben auf Rotor und Stator in
Deckung zu bringen.
- In dieser Stellung befindet sich der Kolben nun in der
Zünd-OT-Position, vorausgesetzt, Schritt 3 wurde durchgeführt. Ist dies
nicht der Fall (Kolben im Gaswechsel-OT), ist die Kurbelwelle durch
Wiederholen der Schritte 12-15 um weitere 360° zu drehen.
- Um ein unbeabsichtigtes Weiterdrehen der Kurbelwelle zu vermeiden,
kann (muß aber nicht) die Kurbelwelle fixiert werden. In der
Kurbelwange der linken KW-Hälfte ist zu diesem Zweck eine
Zentrierbohrung vorgesehen. Hierzu die Innensechskantschraube (SW 6) an
der linken Motorunterseite herausschrauben (Achtung, Öl tritt aus),
Beilagscheibe entfernen und die Schraube vorsichtig wieder
einschrauben.
Ventilspielkontrolle
Ob man das Ventilspiel lieber kontrolliert oder sofort mit der
Einstellung beginnt (falls nötig), bleibt natürlich jedem selbst
überlassen. Da aber speziell an der Auslaßseite die Kontrolle des
Ventilspiels recht zeitintensiv ist, da die Fühlerlehren der Stärke nach
in absteigender Reihenfolge zwischen jedes Ventil nebst dazugehörigen
Kipphebel geführt werden müssen, bietet es sich nach Meinung des Autors
an, die Ventilspielkontrolle zu überspringen und die Ventile gleich
einzustellen.
Wieviel Spiel?
Die Abbildungen 1 und
2
zeigen, in welcher Weise (und an welcher Stelle)
die Fühlerlehre zwischen Ventil und Kipphebel zu führen ist.
Das Ventilspiel beträgt bei den meisten LC4-Motoren je 0,10 mm für
Einlaß- und Auslaßventile. Sportfahrer, die den Motor extrem belasten,
stellen die Ventile jedoch vor allem an der Auslaßseite mit bis zu 0,20
mm und mehr Ventilspiel ein.
Fazit: Mit 0,15 mm Spiel an Einlaß- und Auslaßventil an allen
LC4-Modellen kann nichts falsch gemacht werden.
Ventilspiel einstellen

Die Kontermuttern (SW 11) mit gekröpftem Ringschlüssel jeweils
¼-Umdrehung lösen. Die Einlaßseite kann mit Hilfe
eines langen 3er Schlitzschraubendrehers recht schnell eingestellt
werden, für die Auslaßventile ist ein sehr kurzer oder
abgewinkelter Schraubendreher in Verbindung mit etwas
Fingerspitzengefühl vonnöten.
Zunächst sind die Ventileinstellschrauben soweit zu lösen, bis
sich die Fühlerlehre leicht einschieben läßt. Dann die
Ventileinstellschraube soweit einschrauben, bis sich die Lehre nur noch
gegen spürbaren Widerstand hin- und herbewegen läßt. Die
Kontermutter mit 20 Nm festziehen, wobei darauf zu achten ist, daß
sich die Einstellschraube nicht mitdreht. Die Lehre
außerdem nicht einklemmen - sie verformt sich
und wird unpräzise.
Den Widerstand, der nun nach Festziehen der Kontermutter beim Hin- und
Herbewegen (Herausziehen) der Fühlerlehre spürbar sein sollte,
gilt es sich einzuprägen, um die Ventileinstellung an den
übrigen Ventilen zu reproduzieren. Ein Spritzer Motoröl auf
der Spitze der Fühlerlehre gewährleistet, daß die Lehre
nicht an einem der Ventile "hängen bleibt".
Ein Ventil gilt als lehrbuchmäßig eingestellt, wenn der
Ölfilm nach Herausziehen der Einstellehre am Ventil abgestreift
ist, sicherlich kann man es aber auch übertreiben.
Nacharbeiten
Dichtflächen an Zylinderkopfoberteil und Ventildeckeln reinigen
(Waschbenzin!), dann neue Ventildeckeldichtungen (ggf. leicht
eingeölt bzw. mit Silikonfett bestrichen) mit der bedruckten Seite
nach oben auflegen. Die Ventildeckelschrauben werden mit 20 Nm
Anzugsdrehmoment festgezogen.
Motorrad in umgekehrter Reihenfolge wie oben beschrieben zusammenbauen.
Gute Fahrt!